Aargauische Volkshochschulen Die Aula war proppenvoll. Das grosse Interesse spricht für Remo Largo und sein Plädoyerfür eine Schule, die sich am Kind orientiert. «Der Fehler liegt im System», strich er heraus.
Die Infragestellung von Noten ist in der Schweiz ein Tabu. Der Zürcher Kinderarzt Remo Largo bricht es bewusst und berechtigt, zumal er einenGrossteil seiner Aussagen mit Statistiken und Studien zu untermauern weiss. So ist es erstaunlich, dass Kinder zwischen zwei und fünf Jahrenteilweise einen bis zu siebenmal grösseren Wortschatz haben als Kinder des gleichen Alters. «Ein weiteres Detail dieser Misere» sei zudem die Tatsache, dass Buben in diesem Alter über einen grundsätzlich kleineren Wortschatz als ihre Schulkolleginnen verfügen, was Largo zum Schluss führt: «Die sprachlastige Schule bevorzugt die Mädchen. » Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage tatsächlich, ob Noten ein adäquates Mittel zur Bewertung derart verschiedener Kinder sind Doch die Schule zeige ein enormes Beharrungsvermögen, so Largo.
Natur oder Ritain?
Nicht nur in den Bewertungsmethoden ortet Largo einen Systemfehler. In seinem Referat zum Ausdruck kam der Wunsch nach einer guten Beziehungsqualität. «Die Anforderungen der Kinder an eine Beziehung sind so hoch, dass man nicht darum herumkommt, darauf einzugehen», führt Largo aus. Der viel zitierte Zeitmangel sei kein Argument. «Dann soll man weniger Schule geben, um die nötige Zeit dafür zu haben», zeigte sich der Kinderarzt konsequent. Ebenso liefere die menschliche Natur Anhaltspunkte für eine Kritik am Schulsystem. In den letzten 100 000 Jahren sind die Kinder in freier Natur gross geworden und mit zirka sieben Jahren weisen Kinder die höchste motorische Aktivität aus – genau dann, wenn sie zum Stillsitzen gezwungen werden. Dass der nationale Ritalinverbrauch innerhalb der letzten 14 Jahre um das 19-Fache anstieg, ist einer der Auswüchse dieser Konstellation. Eine gute Beziehungsqualität, welche die Lernmotivation und den Gehorsam der Schüler automatisch verbessert, soll aber nicht nur zwischen den Lehrern und Kindern herrschen. Auch der Kontakt zu den Eltern soll verbessert werden. In Rotterdam müssen Lehrpersonen der Grundschule jeweils Anfang Schuljahr bei allen Eltern zu Hause vorbeigehen für ein einstündiges Gespräch – in der Schweiz auf den ersten Blick undenkbar, geraten doch nur schon die Elternabende immer wieder ins Kreuzfeuer der Kritik. Largo sprach sich zudem dafür aus, dass die Lehrer ihre ganze Arbeitszeit in der Schule verbringen. So lernen sich die Lehrer kennen, man kann sich gegenseitig helfen. Einzelgängertum und (zu) viel Stress verschwinden damit.
"Peinliche Demos"
Die Lehrer selber können sich nicht aus der Verantwortung ziehen. Largo bemerkte, dass diese noch nie für die Kinder oder die Eltern auf die Strasse gingen. «Sie demonstrieren nur für ihre Löhne und weniger Arbeitszeit. Das ist nur noch peinlich», kommentierte Largo. Der Zürcher stellte neben den Noten auch die Prüfungen infrage. Diese seien eine Treibjagd, bei der die Kinder die Rolle der Hasen übernehmen. Die Lehrer seien die Treiber und die Prüfungen sind das Pendant zu den Hunden. «Wir glauben nicht mehr daran, dass Kinder von sich aus lernen wollen, deshalb macht man Prüfungen. Doch Auswendiglernen heisst nicht Begreifen», erklärte der Autor seine Ansicht.
Was totgeschwiege wird
Ausserdem würden die Themen physische Gewalt und Drogen völlig überzeichnet diskutiert: «Es wird prophylaktisch gejammert, damit das Problem sicher nicht grösser wird.» Das Thema Schulverweigerung werde hingegen totgeschwiegen, Verständnis sei keines vorhanden. Der Frust bei allen Beteiligten sei enorm und es herrsche eine grosse Kluft zwischen der Befindlichkeit der Direktbetroffenen und denen, die «in irgendeiner Wolke Reformen ankünden. Das ist unschweizerisch. Veränderungen müssen vom Volk kommen», so Largo.
Verbesserungspotenzial gebe es zudem in der Ausbildung der Lehrer. Largo schlägt vor, dass die Ausbildung nur beginnen darf, wer ein halbes Jahr mit Kindern gearbeitet habe. So merke man früh genug, wer mit Kindern überfordert ist. Im Hinblick auf den Lehrermangel in der Schweiz nannte Largo äusserst interessante Zahlen aus Finnland, wo Lehrer ein grosses Sozialprestige haben. Dort wählen die pädagogischen Hochschulen die besten zehn Prozent aller sich Bewerbenden aus. In der Schweiz kann hingegen fast jeder Lehrer werden – im Interesse der Erwachsenen.
Wohler Anzeiger/Bremgarter Bezirks-Anzeiger, März 2012